Autorin Sylvia Amstadt - Demonstrierte Poesie
 
 
Aktuelle Leseproben
 
 
Tag der offenen Liebe
 
 
In allen Klein
und Großunternehmen
konnte man sie
heute versammelt sehen
 
Flirtende
Unternehmensratgebende
kuschelten mit
Unternehmensratannehmenden
 
Sie saßen gemeinsam
an einem
schwarzweißgestreiften Marmortisch     
 
und schminkten sich
abwechselnd 
 
neue Perspektiven
in die Sicht
 
es roch dabei nach
Kaffee extramild
 
Sie tankten
Freudentränen
und applaudierten
mit zittrigen Händen
 
unverschämt fröhlich
der Zukunft entgegen
 
es roch dabei nach
frisch verdauten soft skills
 
Ich stand dann
irgendwie auch daneben
und hielt mich
und das wilde Geschehen
mit meinem
Kugelschreiber fest.
 
 
 
Moral und Wahnvorstellungen

Wo will ich hin
mit mir allein
wer kann ich bleiben
ohne einen
der mir sagt
was Sache ist
und ob ich überhaupt
noch richtig ticke

Weshalb denn nicht                         
der einsame
Wanderer sein
mit gesteigertem Interesse
an mir selbst
die ganze schlechte Welt
vergessen und belächeln
so wie die gestressten Helden
auf fremden Erdbeerfeldern

Wo will ich hin
ohne einen
der sich mal lieber
selber streichelt
und nicht hier bleibt
um mir meine Lorbeeren zu pflücken               
es sei denn, sie wären vergiftet
damit ich auch weiter
nur selbst das Beste
zu verdauen habe
in diesen grauen Tagen                           
in denen mich tausend Fragen
auch gerne mal
für immer plagen
 
Das Suchende
 
Es lag und liegt
in meinen Händen
ich kann mir scheffeln
was ich gerne hätte
und von mir geben
was euch gerade fehlt
die großen Geschäfte
sind Schnee
von gestern,
heute ist
Verschenken angesagt!

Wenn ich alles
hier unter die Lupe nehme,
scheint nicht nur mir
die Sonne
aus dem A….
ich sehe sie doch
überall, davor und
auch noch danach
ist es immer wieder warm
dank meinem
Seelenbalsam für zehn
mal tausend.
Ich sehe euch
klammheimlich
Zuckerkrawatte tragen,
Krisenkaugummis verschlucken,
und Empathiebrausebonbons lutschen,         
als wäre dies das Nachspiel
vom Vorspiel
und die Krise
plötzlich wieder zarte 17,
also kommt mal
wieder in die Gänge,
und raus aus dem kühlen
Bürozimmer mit
Selbstbedienungsklimaanlage!      
 
 
 
Wir tragen noch immer
 
Immerzu schwebt
das locker gelöste
zu erfahrende
Wissen
auf allen Wegen
herbei

nimmt uns mit
hebt uns hoch
packt uns ein
schickt uns los
prägt uns weich

zeichnet Sein
in den Dunst
der so laut
gesuchten Wahrheit

rufend
andauernd
verkleiden wir
unsere Fragezeichenhüllen 

füllen die Tiefen
nie völlig
nur stützend
und stürzend
über die
einzelnen Ahnungen

verwischen die Spuren
gut besuchter
aber garantiert
nur betuchter
Sicherheit

In wilden
Geschehnissen
badet sich
unsere Erkenntnis

schöpft unendlich
Reichtum aus der Fremde
jenes Vergänglichens
durch welches Freude
heulend
zur Träne wird

Wir tragen noch immer -
die Schönheit des Planeten
mit jedem Erklärungsversuch
durch unsere
kilometerweiten
Zweifel

fassen mit den Augen kaum
was sich uns                                   
so schwerwiegend
mitteilt -
das Herz aber
leichtsinnig
öffnet
 
 
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